Dienstag, 28. Januar 2014

"Mit dem Liegerad von Neu Delhi nach Singapur"


Hier kommt mein versprochenes Interview mit Eva und Mike, die mit ihren Fahrrädern 9 Monate lang in Südostasien unterwegs waren.

Meine Fragen treffen erst eher Eva, da mich mehr die Sauberkeits- und Hygienieprobleme (als Frau) interessieren, deshalb frage ich erst sie.


Eva. Wie konntest du mit der Situation auf einer so langen Reise klar kommen, daß du oft in Zimmern unter einem erwarteten Niveau schlafen musstest? Wie habt ihr eure Wäsche gewaschen und hauptsächlich getrocknet? In den Tropen trocknen Sachen nachts im Zimmer nicht, oder?

Grins :-) Ja, die Zimmer waren häufig sehr spannend. Tatsächlich war es aber sehr selten ein Problem, ganz einfach aus Mangel an Alternativen. Nach einem Radtag ist man meist etwas müde und freut sich wenn man zum Nachmittag etwas findet was annähernd nach Übernachtungsmöglichkeit aussieht. Und wir hatten das grosse Glück Abend für Abend sowas zu haben. Im Zelt zu schlafen war keine Option. Zum einen ist es da mit Waschen ganz schlecht, dann ist es schlichtweg zu heiss und die Asiaten sind sehr neugierig wenn da zwei Europäer ihr „Eigenheim“ aufbauen.

Kurz gesagt wir haben zumeist allerbestens geschlafen.

Die Wäsche ist schnell gewaschen. Damit geht’s einfach unter die „Dusche“. Die besteht meist aus grossen Wasserbottich – einer Art Regentonne – und einer kleineren Schüssel zum Übergiessen. Den Rest tut die Seife. Tatsächlich trocknen die meisten Sachen über Nacht, vorallem wenn ein wackliger Ventilator im Zimmer rotiert. Funktionsbekleidung hat sich als besonders dankbar und schnell trocknend herausgestellt. Auch wenn mein rotes Radshirt langsam immer bleicher wurde war es doch Gold wert! Was am nächsten Tag doch noch feucht war ist auf der mobilen Wäscheleine am Fahrrad getrocknet. Erstaunlicherweise vereinfacht es das Leben ungemein wenn man nur zwei, drei Shirt s zum Anziehen zur Auswahl hat!


Einmal beschreibt Mike im Buch, daß du mehrmals von den Einheimischen mit Steinen beworfen wurdest. Wie bist du damit umgegangen? Überhaupt was für Größe haben diese Steine gehabt und haben sie dich verletzt? Kann man wissen, aus welchem Grund gerade du, die Frau beworfen wurdest? 

Natürlich war ich kurz etwas wütend auf die „Steinwerfer“. Allerdings muss man das Ganze relativieren. Zum einen waren es zweimal Kinder, mit sehr kleinen Steinchen und zum anderen wurde auch Mike zum Ziel. Also sehe ich da keinen Zusammenhang mit meinem Geschlecht…getroffen hat keiner. :-) Alles halb so wild!


Warst du physisch auf diese Reise gut vorbereitet? Hast du mit dem Fahrrad viel trainiert oder nicht, und dachtest du, du schaffst es irgendwie? 


Nein ich habe kein spezielles Training vorab gemacht. Natürlich habe ich aufgrund meiner vielen Freizeit hier in den Bergen eine gewisse Grundkondition gehabt, aber der Rest ergibt sich unterwegs. Man ist ja nicht besonders schnell mit so einem Reiserad und auch die Etappen hielten sich aufgrund der Hitze kilometermässig in Grenzen. Das war alles gut machbar – auch ohne Übung!

Kathmandu


Seid ihr nie einmal während der Reise so richtig krank geworden? 


Eva: Nach zwei Wochen hatte ich drei Tage lang ordentlich Fieber und danach war für den Rest der Reise alles gut! Mike dagegen durfte zweimal den Service vietnamesischer Zahnärzte in Anspruch nehmen.

Mike: Hat man allerdings auf solch einem medizinischen Stuhl platzgenommen, steht der ganze „Warteraum“ (als Stühle aller warten Patienten, stehen direkt neben dem Behandlungsstuhl), dann sind alle Schmerzen schnell vergessen.



Würdet ihr so was nochmal mitmachen, oder eher nicht? 


Eva: Es wird ganz sicher nicht unser letztes Abenteuer gewesen sein! Ich kann es fast jedem empfehlen der ein Fünckchen Fernweh hat loszuziehen!

Mike: Auf keinen Fall war das der letztere längere Trip. Es ist wie eine Sucht. Hat man einmal den Schritt geht und festgestellt, wie erleichternd sowas sein kann, dann zieht es einen immer wieder raus.


Wie habt ihr gefühlt, als ihr von der Reise heimgekommen seid? Wie war es mit der Zurückstellung in das normale Leben, wieder Wohnung, Arbeit suchen? War es sehr schwierig? Ich meine hier jetzt nicht nur den Prozess, wie schwer einen neuen Job zu finden war, sondern seelisch...wie kann man sich nach so langer Freiheit wieder auf die Arbeit einstellen? 

Eva: Mir ist der Wiedereinstieg nicht schwer gefallen. Schließlich musste das Gesehene und Erlebte auch erstmal verarbeitet werden und dafür ist unser ruhiges, idyllisches Murnau ein guter Ort. Wir bekamen die „alten“ Jobs zurück und haben nun vor allem vieles was uns hier in diesem Leben als selbstverständlich schien mehr geschätzt und genossen.

Mike: Der Wiedereinstieg ging schneller und leichter als gedacht. Der Grund hierfür liegt sicher in der Gewissheit, dass wir jederzeit auch wieder los könnten. Ich sehe viele Dinge jetzt mit anderen Augen. Ja ich kann sagen, dass ich sogar ruhiger geworden bin. Den – „Ich entscheide immer noch, wann ich mich stressen oder Ärgern lasse!“



Mike. In eurem Buch hat man den Eindruck, daß euch Indien eher schockiert hat. Wie geht man mit dem Elend um?


Mike: Ja Indien hat uns erst mal geschockt. Diese Armut, die Massen an Menschen, das Verhältnis Frau und Mann, der Dreck überall, es war zu viel für uns. Aber das ist Indien. Indien ist nicht Europa. Schnell ist man dazu geneigt alles mit dem heimischen zu vergleichen. Das darf man jedoch nicht tun. Indien hat eine andere Entwicklung hinter sich, als wir. Man denke ins europäische Mittelalter zurück. Was war da eine Frau zum Beispiel wert? Wie war damals der Umgang unter einander? Und was ist schon Elend? Ist Elend kein Geld zu haben und dreckig herum zu laufen? Oder ist Elend reich zu sein und sich nicht mehr für seinen nächsten zu interessieren?

Ich habe auf all meinen Reisen gelernt, das es sehr wichtig ist, sich immer selbst zu reflektierten. Nur dann habe ich die Chance ein Land unvoreingenommen kennenzulernen und den Menschen offen zu begegnen.

Ich würde  mit meiner jetzigen Erkenntnis und Lebenserfahrung sofort wieder nach Indien reisen. Es ist ein Kontrast zu unserem Leben – in allerlei Hinsicht.


Welches Land hat euch am meisten fasziniert? Im Buch ist euer längstes Kapitel Vietnam.


Mike: Die Länge des Kapitels kommt sich auch daher, das wir ebenso lange in Vietnam waren und Vietnam im Vergleich zu Thailand, Laos oder Kambodscha einfach besonders ist.

Ich kann nicht sagen, welches Land mich am meisterten begeistert hat. In Laos war die Landschaft ein Traum und die Menschen überaus freundlich. In Thailand erwarteten uns traumhafte Strände und spannende Wats. In Kambodscha Angkor Wat und die Vergangenheit der Roten Khmer. Vietnam mit der Ha Long Bucht, dem 17 Breitengrad und Saigon mit seiner Geschichte. Nepal, eine Land voller Spiritualität und dem Himalaya. Oder Indien mit dem Tja Mahal und dem Kontrast zu unserem Lebensstil. Ein jedes Land hat seinen Reiz und seine Geschichte.

Ich jedes Land würde ich sofort wieder gerne reisen wollen, weil wir eben noch nicht alles dort gesehen haben und es noch soviel zu entdecken gibt.

Nepal


Wie ist es euch gelungen, daß euch weder Fahrrad oder andere Sachen gestohlen wurden, wenn viele Menschen auf eurer Reise nicht mal den Anstand hatten zu fragen ob sie es ausprobieren dürfen? Es geht hier nicht nur um eure Fahrräder, sondern um eure ganze Reiseausrüstung, die ihr bestimmt in den Seitentaschen für mehrere Stunden da gelassen habt? Wie habt ihr sie gesichert?


Mike: Wenn ich auf solch eine Reise bin, dann gebe ich besonders achte auf meine Sache. Stelle das Fahrrad immer so ab, das ich es sehen kann. Trage meine wichtigsten Wertgegenstände am Körper oder beobachte Menschen einfach anders. Wobei wir nie das Gefühl hatten, das uns jemand bestehlen wolle. Wir haben auch keine anderen Touristen getroffen, welche vom Diebstahl berichteten. Und wenn es doch mal einer Tat, dann war das in einer Touristenhochburg und mit größerer Wahrscheinlichkeit kein Einheimischer.

Grundregel ist dennoch: Pass und Geld am Körper! Nicht mit einer Rolex oder Breitling am Arm reisen. Sein Geld an verschiedenen Punkten aufbewahren und unter einander aufteilen. Nicht zu viel Geld dabei haben (Geldautomaten gab es in regelmäßigen Abständen). Normal, am besten Einheimisch Kleiden und alles gut beobachten. Mit gesunder Menschenkenntnis kommt man dann schon durch.

Und  man sollte sich darüber nicht so viele Gedanken machen. Auch bei uns gibt es Überfälle und Bankraube mit Geiselnahme.

Meine Erfahrung hat bisher gezeigt, dass umso ärmer ein Land ist, um so freundlicher und offener sind die Menschen. In den ärmsten Ländern wurden wir schneller zum Tee oder übernachten eingeladen, als in den angeblichen „zivilisierten“ Ländern.



Falls es nicht zu persönlich ist, würde viele Leser bestimmt interessieren, was für Gesamtkosten so eine Reise hat? Seid ihr mit eurem Budget zurechtgekommen?

Mike:
 Die Standard Frage auf allen unseren Vorträgen. Man macht eine solche Reise nicht, wenn man nicht den Mut dazu hat los zukommen. Da sitzt man dann mit einem vollen Konto daheim und überlegt sich wie es mit der Sicherheit, der Krankenversicherung und der eigenen Zukunft aussieht. Und das sind nur einige Gründe, wo sicher der ein oder andere für sich schon Dinge findet,  an solch einem Unternehmen zu scheitern.

Es gibt Leute wie Heinz Stücke (http://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_St%C3%BCcke) die fahren seit über 40 Jahren um die Welt. Die haben sich sicher den Betrag nicht vorab weggespart.

Aber um die Frage dann doch noch zu beantworten. Wir haben beide zusammen alles inkl. knapp 10.000 Euro bezahlt. Also mit Flugtickets, Essen, Hotel, Städtetouren, Krankenversicherung usw.

Danke für das Interview!



Ich danke für Euch Zwei auch ganz herzlich für das Interview. 

Alle Fotos habe ich mit der Erlaubnis von Mike und Eva Strübing in meinem Blog veröffentlicht, alle Rechte sind bei Ihnen vorbehalten. 

Kommentare:

  1. Interessantes Interview liebe Flögi und ein Dank auch an Mike und Eva. Bewundere immer Menschen die so durch die Weltgeschichte reisen, denn besser kann man Land und Leute nicht kennenlernen^^

    Liebe Grüssle

    Nova

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  2. Ein spannendes Interview. Monatelang mit dem Fahrrad durch die Weltgeschichte reisen, wäre nicht mein Ding, aber ich bewundere das sehr. Ich bin immer überrascht wieviele Leute sogar so reisen. Einmal habe ich mitten im australischen Outback einen Belgier auf seinem Fahrrad getroffen. 1000e Kilometer durchs große Nichts zu fahren, fand ich auch krass. Ich persönlich brauche trotz aller Abenteuer abends immer ein Bett und ne Dusche. Das muss nicht luxuriös sein. Aber nicht zu wissen wo ich abends schlafen werde, mag ich nicht so und dafür wäre ich dann glaub ich auch zu ängstlich. Gerade als Frau in einem Land wie Indien. LG, Nadine

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